Alle Infos zum geplanten S-Bahn- Haltepunkt Süd in Speyer

Seit fast zwanzig Jahren plant die Stadt Speyer einen dritten S-Bahn Haltepunkt. Einerseits erscheint das Projekt unter der zunehmenden Kritik am Individualverkehr in Zeiten des Klimawandels sinnvoll, andererseits zeigt die bisherige Planung eklatante Mängel und Widersprüche, die offen diskutiert werden müssen. 

In Zeiten des KLIMAWANDELS
kritisch gegen den
S-Bahn-Haltepunkt ...

Darf man das?
Ja, man MUSS!

Die Herausforderungen, denen sich unsere Gesellschaft durch den ausufernden Individualverkehr und die Auswirkungen des Klimawandels stellen muss, sind nicht zu übersehen. Trotzdem dürfen Entscheidungen nicht mit ideologischen Scheuklappen gefällt werden. Insofern muss auch beim Haltepunkt Süd genau geschaut werden, welche Vorteile er bringt und mit welchen negativen Auswirkungen zu rechnen ist. 

Am 17. Juni 2015 stellte der damalige OB Hansjörg Eger (CDU) die Pläne vor Ort der Öffentlichkeit vor. 

Die Anwohner wiesen auf den ihrer Meinung nach ungeeigneten Standort hin. Eindrucksvoll demonstrierte ein rotes Band die Höhe des Bahnsteigs in unmittelbarer Nähe der Bebauung.

Eine Liste mit über 1300 Unterschriften zeigte deutlich, dass das Projekt nicht auf ungeteilte Zustimmung in der Bürgerschaft stößt. Besonders die Entfernung des für das Stadtklima dringende notwendige Grüngürtels im Bereich des Haltepunkts, die Verlängerung der Schließzeiten am BÜ Schützenstraße, das Fehlen von Parkplätzen u.a. mehr, erregte den Unmut der Bevölkerung. 

 

 

Unmut erregte auch die Aussage des OB, dass der „Kostenanstieg des Projekts aus  der Vielzahl der Änderungswünsche der Bürger“ resultiere, ohne dass er dies konkret erläutern könne.

Trotz intensiver und kontrovers geführter Debatte konnte kein Konsens in den Kritikpunkten, die die Bürger vorbrachten, herbei geführt werden. Ungeachtet dessen bekräftigte der OB, dass jetzt, „nachdem 95% der Unterlagen fertiggestellt sind“, das offizielle Planfeststellungsverfahren in Gang gesetzt werde. 

Das sind 10 Kritikpunkte am Konzept:

# 1

Schließzeiten am Bahnübergang Schützenstraße verlängern sich!

Bei der Nähe des Haltepunkts zum Bahnübergang Schützenstraße verlängert sich die Gesamtwartezeit an einer der wichtigsten innerstädtischen Verkehrsachsen um eine weitere Stunde auf somit fast vier Stunden täglich. Bei dem von über 10.000 Fahrzeugen genutzten Bahnübergang erhöht sich für Anwohner und Wartende die Lärm- und Feinstaubbelastung erheblich, natürlich auch bei den beiden anderen Bahnübergängen!

Der neue Haltepunkt Süd liegt gerade 1100 m vom Hauptbahnhof entfernt, wobei zwei Bahnübergänge auf dieser Strecke liegen.

# 2

Rettungsdienste werden noch stärker behindert!

Die Wartezeiten am Bahnübergang zwingen Rettungsdienste oftmals zu Umwegen. Durch den Bau des S-Bahnhaltepunkts verlängert sich die Wartezeit an allen drei Bahnübergängen nochmals um mehr als eine Stunde täglich. Das städtische Nadelöhr Bahnübergang Schützenstraße wird noch weiter zum Verkehrskollaps beitragen.

Die tägliche Praxis zeigt, dass bereits jetzt Rettungseinsätze behindert werden. Im Ernstfall werden die Retter immer wieder versuchen, noch rechtzeitig über den Bahnübergang zu kommen.

# 3

Die Kosten, die die Stadt alleine zu tragen hat, sind noch nicht ermittelt!

In den Unterlagen zum Planfeststellungsverfahren finden sich keinerlei Angaben zu den aktuellen Baukosten. Es gab bereits eine erhebliche Kostensteigerung von 2012 auf 2014 von 3,47 Mio. Euro auf 5,1 Mio. Euro (47 %). Die wirklichen Projektkosten sind auch jetzt noch nicht bekannt. Erfahrungen zeigen zudem, dass DB-Projekte meistens wesentlich teurer werden.
Auch angesichts der Tatsache, dass der hohe städtische Anteil danach notwendigere Aktionen zum Umwelt- und Klimaschutz in Frage stellen, ist für die Stadt das finanzielle Risiko groß!

Bereits in einer Projektstudie wurden im Jahre 2002 über 4 Millionen Baukosten ermittelt. Eine offensichtlich „schöngerechnete“ Kostenaufstellung von 3,4 Millionen war Grundlage für die Zustimmung des Stadtrats im Jahre 2012 – bereits zwei Jahre später kostete das gleiche Bauvorhaben bereits über 5 Millionen.

Die bisherigen Kalkulationen berücksichtigen zudem nur die reine Baumaßnahme. Die nicht unbeträchtlichen Kosten von zwingenden Infrastrukturmaßnahmen, die die Stadt alleine zu tragen hat, sind in dieser Aufstellung noch nicht ermittelt!

# 4

Der Bau der Bahnanlage trägt zur Verschlechterung des Stadtklimas bei!

Die Versiegelung unterbricht auf rund 3000 qm einen wissenschaftlich erwiesenen Frischluftkorridor, der in den Sommernächten kühlere Südwest-Winde ins Stadtzentrum bringt. Durch den aufgeheizten Bahnkörper wird diese Frischluftzufuhr unterbrochen und das Innenstadtklima im Sommer besonders negativ beeinflußt.

Laut Stadtklimagutachten und Flächennutzungsplan von 2007 ist die Bahntrasse „wegen der besonderen Bedeutung für den Klimaschutz in Speyer… von jeglicher, dieser Funktion beeinträchtigenden Nutzung freizuhalten.“ Beschluss vom 20.11.2007

# 5

Die Abholzung des Grüngürtels hat negative Folgen für Umwelt, Tierwelt und Bürger

Durch den Bau des Haltepunkts wird beidseitig ein Grüngürtel entfernt, der wichtig für Umwelt und Stadtklima ist und Lebensraum für viele Vogelarten und Fledermäuse bietet. Als Ersatz wird von der Bahn „zwischen Speyer und Berghausen eine Streuobstwiese“ angelegt. Die weiteren Auswirkungen auf das Stadtklima wurden nicht untersucht .

Die Bedeutung des Baumbestands am Bahndamm ist im Wahlkampf den GRÜNEN ein Plakat wert gewesen, jetzt will man abholzen.

# 6

Die hohen Nutzerzahlen basieren in erster Linie auf einer Verlagerung des Fahrgastaufkommens!

Nach der  Potentialanalyse, die erst nach Planoffenlage vorgestellt wurde(!), werden täglich über 1750 Fahrgäste den Haltepunkt-Süd benutzen. Die mit Abstand größte Nutzergruppe sind über 1100 (!) Fahrgäste aus dem Innenstadtbereich, die bisher am gleich weit entfernten Hauptbahnhof einsteigen konnten.  

Die Bahn sagt, sie ist nur für das Bauwerk selbst verantwortlich; eine städtische Untersuchung der sozialen, verkehrstechnischen und klimatischen Auswirkungen auf das umgebende Stadtgebiet ist bis heute nicht erfolgt.

# 7

Die Unterführung löst keine Probleme, sie schafft neue ...

Von Anfang an wurde die im Zuge der Errichtung der S-Bahn-Station notwendige Unterführung als große Entlastung des Bahnübergangs Schützenstraße gepriesen. Wartezeiten an den Schranken wären dadurch für Fußgänger und Radfahrer zu vermeiden. Die Verantwortlichen gingen noch bei der Beschlussfassung zum Planfeststellungsverfahren im Mai 2017 von einer stufenlosen Unterführung aus – obwohl die eingereichten Pläne ausdrücklich Treppen vorsehen.

Die Fotomontage des Planungsbüros zeigt den Treppenaufgang zum Bahnsteig. Hinter dem Geländer geht es 13 Stufen hinunter zur rechtwinklig abgeknickten Unterführung, die dadurch von außen nicht einsehbar ist.

# 8

Die Anlage ist eindeutig "fahrradunfreundlich"!

Die als Entlastung der Schützenstraße angekündigte Fußgängerunterführung ist für Fahrradfahrer, Behinderte, Mütter mit Kinderwagen und ältere Menschen nur über Treppen und Aufzüge zu benutzen. Sie kann die prognostizierte Nutzerzahl zu den Stoßzeiten nicht aufnehmen. Das Schlupfloch ist völlig ungeeignet und stellt einen Angstraum dar, der auch zu einem sozialen Brennpunkt werden kann.

Die eingeplanten rund 30 Abstellplätze sind für die „Fahrradstadt“ absolut nicht ausreichend.

Total unverständlich, wie man einer Planung zustimmen konnte, die wegen fehlendem Platz zu wenig Fahrradabstellplätze hat und wo keine Rampen möglich sind.

# 9

Der Bauprojekt passt nicht in die städtebauliche Situation!

Da im Planungsgebiet keine Stellplätze vorhanden sind, ist fraglich, wie der einsetzende Parkdruck verhindert werden kann, ohne dass das betreffende Stadtgebiet kollabiert.

Auch wenn Stadt und Bahn davon ausgehen,  dass nur Fußgänger und Radfahrer den Haltepunkt Süd nutzen, ist absehbar, dass es viele motorisierte Nutzer geben wird.

Ohne Parkraumbewirtschaftung wird der Park- und Suchverkehr beiderseitig des Haltepunkts für weitere Probleme sorgen.

# 10

Es gibt bessere Alternativen!

Ein S-Bahnhaltepunkt macht dort Sinn, wo auf dichtem Raum eine größere Nachfrage besteht. Als Gegenargument wird immer wieder auf die größeren Einrichtungen im Einzugsbereich verwiesen. Alle diese Einrichtungen sind aber z.B. mit der Buslinie ab Hauptbahnhof zu erreichen … und zwar quasi von Tür zu Tür.
Verwunderung löst aus, dass der Busfahrplan nicht mit der Ankunft der S-Bahn synchronisiert ist.

Die bestehende Buslinie 561 verbindet die Gymnasien, das Krankenhaus, die Universität, die Landesbibliothek und alle großen öffentlichen Einrichtungen direkt mit dem ÖPNV.

Wenn es um diese Probleme ging, war in den vergangenen Jahren von politischer Seite oft zu hören, dass man sich später um die Details kümmern werde. Die Bahn solle zuerst den S-Bahnhof bauen, danach werde die Stadt Konzepte erarbeiten und „offene Fragen“ beantworten. 

Erst bauen ... und dann sehen wir weiter !?

Bevor der S-Bahn-Haltepunkt Süd realisiert wird, müssen diese Fragen und Probleme ernsthaft und offen diskutiert und Lösungen gefunden werden!

Stärkung des ÖPNV heißt nicht S-Bahn!